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Ein besonderes Erlebnis- der Dresdner Striezelmarkt 2006

Fröhliche Weihnachtsmusik, Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln, leuchtende Kerzen, mollige Wärme in der Menschenmenge vor der großen Bühne, auf welcher der Weihnachtsmann zusammen mit dem Weihnachtsengel wieder ein Türchen am übergroßen Weihnachtskalender öffnet. Spannende Momente, wenn die Pfefferkuchenprinzessin gekürt oder der Riesenstollen vom Stollenmädchen angeschnitten wird. Man feiert mit dieser Würdigung des „Striezels“, dem echten Dresdner Christstollen, die Taufe des Striezelmarktes im 15. Jahrhundert. Doch das Herz geht schließlich richtig auf, als man endlich das Räuchermännchen gekauft hat, das genauso aussieht wie der Onkel von der Schwägerin. Zum finalen Höhepunkt taucht nach dem dritten Glühwein plötzlich der Studienfreund aus alten Tagen auf und man beschließt gemeinsam, im nächsten Jahr mit den anderen Kommilitonen und dem Professor zusammen auf den Striezelmarkt zu gehen.

Wer dieses Gefühl von Festlichkeit, Herzensfreude und Gemütlichkeit schon einmal erlebt hat, weiß: am schönsten ist Vorweihnachtszeit auf dem Dresdner Striezelmarkt. Zum 572. Mal jährt sich 2006 das bunte Markttreiben in der schönen Altstadt von Dresden. Vom 29. 11.–24. 12. feiert Dresden auf dem, neben dem Nürnberger Christkindelmarkt ältesten Weihnachtsmarkt Deutschlands. Seit jeher reihen sich am Altmarkt Bude an Bude, Besucher an Besucher. Zwei Millionen sollen es, wie vorherige Jahre auch, mindestens werden. Auch dieses Jahr wird wieder mit einem Rekordumsatz gerechnet. Ganze Bus-Trecks aus Deutschland machen sich Ende November auf die Fahrt, um mehr oder weniger zahlungskräftige Touristen, geködert mit dem Versprechen, zur Eröffnung des Striezelmarktes sei ja noch nicht soviel Besucheransturm, nur wenige 1000 Meter vom Markt entfernt abzuladen. Die Reiseführerin rechtfertigt diesen kleinen Umweg erfolgreich mit den noch andauernden Bauarbeiten am Altmarkt. Diese, im Rahmen der Flutschadenbeseitigung von 2002 entstandenen ‘Ewig-Baustellen’ müssen dann auch für den Umweg zum Hotel, die erhöhten Nebenkosten beim Reisepreis und natürlich für die allgemeine Verspätung bei der Ankunft in Dresden um 6 Stunden herhalten. Wie leicht wiegt diese Last doch im Vergleich mit den strahlenden Kinderaugen, welche im Angesicht der Marktbuden nicht mehr aufzuhören scheinen, mit den Halogen-Kerzen um die Wette zu funkeln. Da vergeht jede Anstrengung, die von den zwei Koffern im Handgepäck und dem Videokamera haltenden Tennisarm herrührt. So ist es dieses Jahr und alle Jahre wieder.

Doch wer denkt, daß 572 Jahre zu Stillstand und Erlahmung geführt haben, irrt. Zur Freude der Anwohner wird der Striezelmarkt nächstes Jahr umziehen und den Altmarkt zur Vorweihnachtszeit einer Baufirma überlassen. Dank der dann dort entstehenden Tiefgarage werden Probleme wie Stau, Parkraummangel, Umwege und Verkehrsbelastung in ‘Ozonluft’ verziehen. Der Striezelmarkt selbst wird eine neue Örtlichkeit suchen, auf dem er seine berühmt berüchtigte Weihnachtsmusik und den BImschV-verdächtigen Weihnachtsduft ablassen kann. Wer also noch das Original sehen will, sollte jetzt kommen! Selbst Busfahrten aus Leipzig wurden organisiert, um den Leipzigern wenigstens einmal das Gefühl geben zu können, einen richtigen Weihnachtsmarkt leibhaftig gesehen zu haben. Man muß wissen, daß Leipzig nur schlecht auf Dresden zu sprechen ist, nachdem auf das kurfürstliche Privileg zur Gründung des Marktes 1434 kaum 50 Jahre später auch die Hauptstadtfrage zugunsten von Dresden entschieden worden ist.

Insgesamt überrascht der Striezelmarkt auch dieses Jahr wieder mit tollen neuen Attraktionen: öhm, ja: 800 mm lange „Räucherkerzchen“, 800 cm lange Riesenstollen. Da verwundert es nicht, daß die Stadt gleich noch ihren 800. Geburtstag als Attraktion hinterherschiebt.

Wer denkt, diese Betrachtung entbehre ein wenig der Ernsthaftigkeit, die einer Vorweihnachtszeit gebührt, sei entschuldigt. Shit happens! Realität und Anspruch fallen selbst in den letzten Gefilden deutscher Gemütlichkeit und Feierei auseinander. Da verwundert es doch wirklich, daß trotz ironisierter und gewollter Hoffnung Achim Mentzel tatsächlich sein Stelldichein gibt, und zwar am 16. 12. zusammen mit den Lachtalern. Doch diese freudige Überraschung darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Witze über Bauarbeiten wegen „Flut“, „wehleidiges Jammern“ am 24. 12. über den Weggang des Weihnachtsmannes, äh des Weihnachtsmarktes, Schwippbögen in Form der Waldschlößchenbrücke und Sticheleien gegen Leipziger Weihnachtstradition die Runde machen werden. Natürlich stimmt es, daß die Flut von 2002 mehr Schaden im Dresdner Rathaus angerichtet hat als auf dem Altmarkt. Wie viele Leute haben ihren Job oder ihren OB-Titel verloren, nur weil diese Flut auf eine unvorbereitete Stadt traf? Selbstverständlich ist auch die Anspielung auf fehlende Weihnachtsmarktkenntnis der Leipziger nicht besonders witzig. Ein bißchen Ernst sollte trotz aller Polemik erhalten bleiben. Außerdem kann Weihnachten in Leipzig genauso aufregend sein. All dies gehört – wie jedes Jahr – zum guten Ton in Dresden. Schließlich ist diese Form des „Jammerns“ vor strahlender Kulisse u. a. schon immer erfolgreich im harten europäischen Kampf um Finanzzuweisungen, Subventionen und Spenden gewesen. Und die paar Problemchen des Striezelmarktes sind nächstes Jahr eh weg, woanders eben ‑ wie in der Politik.

Als empfehlenswerte Weihnachtsmärkte in Dresden seien daher noch der Handwerker-Markt an der Kreuzkirche, der „Erste Romantische Weihnachtsmarkt am Dresdner Schloss“, der „besondere Weihnachtsmarkt an der Frauenkirche“, die „Spielmanns-Weihnacht“ (Mittelaltermarkt) im Stallhof hinter dem Fürstenzug, der „Weihnachtsmarkt Hauptstraße“ in der Neustadt, der Weihnachtsmarkt in Loschwitz oder der „Weihnachtsmarkt Prager Straße“ genannt. Wer hier nichts Gutes findet, dem kann wirklich nur noch in Leipzig geholfen werden. In diesem Sinne, frohe Bescherung!

 

 

 

 

 

3 Kommentare 5.12.06 22:28, kommentieren

Hallescher Weihnachtsmarkt

Man muss halt einfach mal einsehen, dass der hallesche Weihnachtsmarkt der Schönste der Welt ist. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es Würstchenbuden neben Mandelsüßkrambuden, so dass einem beim Vorbeigehen übel wird und nirgendwo sonst auf der Welt gibt es Technoversionen von Felice Navidad an der Bude, die "Duftöl" verkauft.

Außerdem ungeschlagen ist der Märchenwald. Die Figuren sind mit besonderer Sorgfalt und besonderem Verständnis fürs Detail gestaltet. Abgesehen von den Gesichtern der Figuren, der mehr Angst einflößend wirken als dass sie nett aussehen. Manchmal erschallt aus dem Nichts kommend die Hälfte der Geschichte von Frau Holle. Kiekeriki.. und so. Die andere Hälfte soll man sich doch bitte von Omi und Opi erzählen lassen.

Auch großartig sind die Glühweinbuden, die halbwarmen Kinderpunsch verkaufen und eine Million Euro Pfand für ihre hässlichen Tassen nehmen. Nur die Bude am Märchenwald hat keinen Pfand genommen. Was eindeutig wieder für den Märchenwald spricht.

Besonders großartig ist dieses Jahr ja, dass der Rummel-Weihnachtsmarkt und der Weihnachts-Weihnachtsmarkt getrennt sind. Dann kann man ganz in Ruhe Autoscooter fahren, Dosen umwerfen oder Riesenrad fahren. Man kommt auch einfach schneller an die Reihe, weil wäre beispielweise das Riesenrad auch auf dem Weihnachts-Weihnachtsmarkt gäb es eine riesen Schlange. Dann macht das keinen Spaß mehr.

So aber macht der hallesche Weihnachtsmarkt ganz ganz großen Spaß! Und ist unbedingt auch für Leute unter 50 zu empfehlen!

13.12.06 10:36, kommentieren